Der Cockerspaniel genießt die Streicheleinheiten, kuschelt sich auf ihrer Decke in den Schoß eines Mädchens, das im Rollstuhl sitzt. Auch Judy hat eine Behinderung: Die Hündin hat keine Augen mehr. „Umso feiner sind ihre Antennen“, erzählt die stolze Besitzerin, Jutta Gaßmann. „Sie weiß, wie sie auf Menschen zugehen kann. Wen sie anstupsen darf und wen nicht. Im Freien ist sie natürlich ein bisschen langsamer. Sie nimmt alles über die anderen Sinne wahr, riecht mehr, hört anders. Sensibel und verkuschelt war sie sowieso schon immer.“

Judy ist eine von fünf Cockerspanieln, mit denen Gaßmann Pflege-Einrichtungen besucht. Seit 2015 geht sie in Seniorenheime oder zu den Intensivkindern Niedersachsen e. V. „Für die Menschen dort sind die Hunde eine willkommene Ablenkung vom Alltagstrott“, so Gaßmann. „Gerade die Intensivkinder lieben es, wenn sie sich in ihr Fell reinkuscheln können.“ Eigentlich ist Gaßmann gelernte Rechtsanwalts- und Notariatsgehilfin. Und eigentlich wollte sie auch nie einen Cockerspaniel. „Aber dann habe ich mich in einen verliebt. Seitdem ist es um mich geschehen!“ berichtet sie und lacht.

Auch der Cockerspaniel hat eine Behinderung

Als Judy (14) zu ihr kam, habe sie noch beide Augen gehabt. Am Verhalten habe sie gemerkt, dass es etwas nicht stimmte. Irgendwann habe sie auch sehen können, dass die Augen vorstanden. Wegen eines Tumors musste dann erst ein Auge entfernt werden, schließlich auch das zweite. „Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich das machen lasse und mich danach total schlecht gefühlt“, so Gaßmann.

„Aber die Ärzte rieten dringend dazu. Und der Hund kommt damit zum Glück gut klar.“ Zwei- bis viermal im Jahr besucht sie mit Judy die Intensivkinder Niedersachsen e. V. Der Verein organisiert Freizeittreffen, an denen etwa zehn Kinder oder junge Erwachsene teilnehmen. Manche haben Hirnfehlbildungen, andere sind autistisch oder müssen beatmet werden. Während andere Gleichaltrige samstags zum Fußball oder in die Theatergruppe gehen, ist Freizeitgestaltung für die Intensivkinder schwierig.

Pflegekräfte achten aufs Wohlbefinden

„Für schwerbehinderte beziehungsweise pflegebedürftige Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gibt es kaum Angebote“, berichtet die erste Vorsitzende des Vereins, Anke Mill. „Und wir brauchen ja immer was, was man drin machen kann. Den Hundebesuch genießen die Kinder sehr, wobei die Pflegekräfte das natürlich auch ein bisschen steuern. Sie achten darauf, dass niemand überfordert ist.“

Wenn Gaßmann kommt, hat sie bewusst keinen Fahrplan dabei. „Wir schauen spontan: Ist heute eher Kuscheln angesagt? Oder sind mehr Kinder da, die etwas mobiler sind und ein bisschen was erleben wollen? Das ist ganz unterschiedlich. Und die Pflegekräfte schauen ja auch, ob ein Kind Zuspruch braucht, ob sie es ermuntern oder ob es eher nicht möchte.“

Judy ist das Herz der Truppe

Von Bad Münder am Deister fährt die Unternehmerin mit ihrer Felltruppe auch mal bis nach Bremen, Hamburg oder eben Hannover. Im Gepäck hat sie einen Wagen mit Requisiten, vor allem aber eine Menge Tricks und knifflige Aufgaben, die bewältigt werden wollen. So wird zum Beispiel gemeinsam gewürfelt: Wenn die Sechs kommt, bekommt der Hund ein Leckerli. Mobilere Jugendliche können einen Reifen halten, durch den der Hund springen darf.

Oder alle halten gemeinsam ein Schwungtuch, auf dem ein Leckerli liegt: Gemeinsam wird versucht, es durch ein Loch in der Mitte nach unten zu bugsieren, wo der Hund schon begierig darauf wartet, sich endlich darauf stürzen zu dürfen. „Beim Sommerfest durften die Kinder kleine Belohnungen unter Möhrchen aus Plüsch verstecken“, erzählt Gaßmann. „Chopin hat die dann ganz eifrig rausgesucht.“ Chopin ist erst acht Jahre alt und der lebhafteste im „Team“. Judy ist bei solchen Tricks außen vor: Kunststückchen kann sie ohne ihre Augen nicht. „Aber Judy ist unser Herz“, erklärt Gaßmann. „Für die, die vor allem das Herz wirklich brauchen.“

Ausstellungsthema Therapie & Aktivierung